Wenn am 31. Dezember um Mitternacht die Raketen in den Himmel steigen, das neue Jahr begrüßen, dann ist für Ursula Lange dieses Feuerwerk so etwas wie der erste Glückwunsch zum Geburtstag. Denn sie war am 1. Januar 1936 das Neujahrskind in Görsdorf bei Jüterbog. Am Donnerstag feierte sie ihren 90. Geburtstag. Zu den Gratulanten am Neujahrstag gehört auch Bürgermeister Axel Schmidt. Er überbringt Ihr nicht nur die herzlichsten Glückwünsche zu ihrem runden Geburtstag, sondern auch alles Gute für das neue Jahr. Im Gespräch mit dem Stadtoberhaupt blickt die Jubilarin auf ihr Leben zurück. Dabei erfährt der Bürgermeister, dass ihr Mann schuld daran sei, dass sie heute in der Rolandstadt zu Hause ist. „Denn eigentlich wollte ich nach meinem Abschluss wieder nach Hause, wollte in einem Krankenhaus meiner Heimatregion arbeiten, in Jüterbog, Treuenbrietzen oder Luckenwalde.“ Doch es kam anders. Mit dem Geburtsjahr 1936 gehört Ursula Lange zur Kriegsgeneration. Und wenn an diesem Abend das Gespräch auf den Krieg in der Ukraine zu sprechen kommt und deren Auswirkungen, dann ist sie bestimmt und sagt: „Ich habe den Krieg erlebt. Wir brauchen so etwas nicht noch einmal.“ Hier wuchs sie als älteste von sieben Geschwistern auf. Der Vater war im Krieg und starb nur wenige Jahre nach Kriegsende, also musste die junge Ursula früh mit ran. „Für mich war die Kindheit damit vorbei“, erzählt sie. Aber fast im gleichen Augenblick zieht ein schelmisches Lächeln in ihr Gesicht: „Das habe ich dann aber in der Ausbildung in Potsdam nachgeholt“, erzählt sie. In den ersten Wochen sei hier einiges passiert. In Potsdam begann sie 1953 ihre Ausbildung zur Krankenschwester. 1955 kam sie ans Krankenhaus nach Wittenberge. „Wir wurden damals verpflichtet hier zwei Jahre zu bleiben.“ In dieser Zeit lernte sie ihren Mann kennen, der beim Krankentransport arbeitete. Dieser kam aus Perleberg. Da er keine Zuzugsgenehmigung für Wittenberge erhält, zieht auch sie in die Rolandstadt, wo sie am 30. November 1957 Friedrich August Arnold Lange heiratet. Bald wird die erste Tochter geboren. Natürlich hatte sie schnell wieder arbeiten wollen, doch da sie keinen Krippenplatz bekam, musste sie dem Krankenhaus eine Absage erteilen. Im Januar 1959 begann sie dann in der Poliklinik in der Bäckerstraße zu arbeiten. Ursula Lange gerät ins Schwärmen, wenn sie an diese Zeit zurückdenkt. „In der Poliklinik hatten wir einfach alles“, sagt sie. 21 Jahre bleibt sie in der Poliklinik, bevor sie ins Krankenhaus abgeworben wurde. Dort wurde sie Abteilungsschwester, später sogar Oberschwester. 1997 beendet sie ihr Arbeitsleben, geht in Rente. Gemeinsam mit ihrem Mann nutzt sie den neuen Lebensabschnitt, um zu reisen, besonders die Berge hätten es ihr angetan. Und so waren sie oft in Österreich, in Hohentauern. Der Schlaganfall ihres Mannes setzte dem ein Ende. Für das Ehepaar bedeutet dies noch einmal umzuziehen. Am 15. Mai 2016 stirbt ihr Mann. Seitdem lebt sie allein in ihrer Wohnung. Doch ihre beiden Töchter sind in der Nähe, ein Pflegedienst hilft beim Saubermachen. Heute gehören zu den drei Kindern, zwei Töchter, ein Sohn, auch zwei Enkel und sechs Urenkel zur Familie. Der siebte Urenkel wird im Februar erwartet. Gemeinsam wurde am Donnerstag Geburtstag gefeiert. Ursula Lange singt seit 1992 im Chor. Angefangen hat sie im Frauenchor Perleberg, der sich bald zum gemischten Chor entwickelte. Und so gibt es auch herzliche Glückwünsche vom Singekreis „Kurt Rabbach“. Erst in der Vorweihnachtszeit war sie bei den Adventskonzerten dabei, berichtet sie dem Bürgermeister. Die Altistin singt hier aber nicht nur, sie führe auch seit 30 Jahren die Chronik. „Drei Aktenordner habe ich schon“, erzählt Ursula Lange. Und Chorvorstand Christine Gliesche ergänzt: „Mit der Chorchronik sorgt sie für bleibende Erinnerungen des Chorlebens. Dafür möchten wir ihr aufs Herzlichste Dank sagen.“ Auch die von ihr zu besonderen Anlässen gefertigten künstlerischen Glückwunschkarten würden immer viel Freude bereiten. Und so geht Ursula Lange einmal in der Woche in die AWO-Begegnungsstätte zur Chorprobe. Dies möge noch recht lange so bleiben, das wünschen ihr die Chormitglieder, ihre Familie und auch der Bürgermeister, der sich nach einem interessanten Gespräch von ihr verabschiedet. „Vielen Dank für Ihren Besuch, ich habe mich sehr darüber gefreut“, so Ursula Lange beim Abschied. „Schließlich ist es nicht selbstverständlich, dass der Bürgermeister am 1. Januar zu einem Geburtstag kommt.“