„Wir hatten keine Ahnung, was in Tschernobyl passiert war“ – Zeitzeuge Thomas Tschuprik zu Gast in der Stadtbibliothek BONA

Perleberg, den 17.​04.​2026

Während die Menschen in der Sowjetunion nichts wussten oder nur ungenaue Informationen über den Reaktorunfall von Tschernobyl erhielten, gibt es in der Tagesschau vom 28. April 1986 erste Informationen für die Bundesbürger. Darin heißt es: „In der Sowjetunion hat sich offenbar ein ernster Atomunfall ereignet. Nach Angaben der sowjetischen Nachrichtenagentur TASS traten in einem Kernkraftwerk in der Nähe von Kiew Schäden am Reaktor auf. Durch die radioaktive Strahlung sollen auch Menschen zu Schaden gekommen sein…“ Mit dieser Meldung, die vor 40 Jahren nicht nur die Bundesbürger erstmals über die Katastrophe informiert, beginnt am Mittwochabend der Gesprächsabend „Ich war Liquidator in Tschernobyl“ mit Thomas Tschuprik.

 

Bürgermeister Axel Schmidt begrüßt die rund 60 Besucher in der Stadtbibliothek BONA. Er freut sich über diese große Resonanz.  Dies zeige, dass es Bibliotheksleiterin Susann Fritz und Pressesprecher Renè Hill gelungen ist, eine interessante Veranstaltung zu organisieren.

 

Renè Hill, der an diesem Abend die Moderation übernommen hat, geht kurz noch einmal auf den 26. April 1986 ein, als sich um 1.23 Uhr die Reaktorkatastrophe ereignete. Dann begrüßt er den Gast des Abends, Thomas Tschuprik. Dieser ist im Alter von 26 Jahren, als junger Offizier der Sowjetarmee, im März 1987 zum „Aufräumen“ an die verstrahlte Kernkraftruine abkommandiert worden. Doch im Gegensatz zu Millionen Menschen auf der ganzen Welt wusste er nichts von einem Reaktorunfall. Ungläubig blicken die Besucher, als sie dies erfahren. Weder die sowjetischen Medien hätten damals berichtet, noch seine Vorgesetzten vor seiner Abkommandierung. Er habe lediglich gewusst, dass es einen Brand, einen Unfall gegeben habe.

 

Dass es doch ein wenig mehr gewesen sein muss, hat er spätestens geahnt, als er das große Lager bei Tageslicht das erste Mal sah, in denen die Truppen untergebracht waren, die als Liquidatoren hier zum Einsatz kamen. Für die Besucher in der Stadtbibliothek BONA sind viele Dinge unfassbar, wie damals mit den Menschen umgegangen wurde. Als Renè Hill nach Schutzbekleidung fragt, antwortet er sarkastisch: „Was für Schutzbekleidung? Ich war mit meiner ganz normalen Uniform im Einsatz.“ Die Schutzanzüge seien sehr primitiv gewesen und die Masken halfen nicht wirklich viel, zumal diese nicht jeder vertragen hätte. Außerdem berichtet er, dass sie Kabel beispielsweise mit Lappen abgewischt hätten: Einmal wischen, Lappen weg, so das Prozedere.

 

„Radioaktive Strahlung siehst Du nicht, schmeckst Du nicht“, sagt Thomas Tschuprik. „Aber sie ist überall!“ Er selbst bekam es zu spüren, als er sich mit dem Knie an ein Eisengeländer lehnte. Am Abend stellte er fest, dass sein Knie rot war, wie bei einem Sonnenbrand. „Mein Knie ist bis heute taub“, erzählt er. „Meine Erinnerung an Tschernobyl.“ Und Thomas Tschuprik berichtet, dass Wasser, das zum Abspritzen der Technik genutzt wurde, aus dem Fluss Prypjat kam. „Das war natürlich auch verstrahlt!“  Natürlich habe es Messungen gegeben, wie viel schädliche Strahlung die Menschen, die dort im Einsatz waren aufgenommen haben. Aber auch hier sei manipuliert worden, wie er herausgefunden hat. Denn als er einmal selbst die Messung vorgenommen habe, lag der Wert bei über einem Röntgen. Als er am Abend seinen Wert mitgeteilt bekam, lag dieser nur bei 0,85 Röntgen.

 

Thomas Tschuprik, der seit 1989 wieder in Deutschland lebt, hat dieser Einsatz nie losgelassen. So berichtete er seit Anfang der 1990er Jahren über seinen Einsatz, hatte eine eigene Ausstellung, die auch in vielen Schulen zu sehen war. Letztlich kam so auch der Kontakt in seine Geburtsstadt Rathenow zustande, zum dort agierenden Hilfsverein „Kinder von Tschernobyl“. Diesen Verein hat er begleitet, ist mit ihm nach Belarus gereist, hatte so Kontakte zu den Opfern der Katastrophe im Mogiljower Gebiet.

 

Über die Hilfe und Unterstützung des Rathenower Vereins können sich die Besucher der Veranstaltung an Hand von zwei weiteren Einspielungen machen. So lernen sie Dmitrij Mankov kennen, der mit vier Jahren evakuiert worden ist und bei einem Benefizkonzert in Rathenow ein Interview gab. Ebenso sehen sie den gemeinsamen Auftritt der Dandys aus Rathenow mit weißrussischen Kindern mit der Rockballade „Kinder von Tschernobyl“.

 

Damit geht der Abend zu Ende. Die Gäste nutzen noch nach dem offiziellen Teil die Gelegenheit, sich mit Thomas Tschuprik zu unterhalten, sich von ihm Bilder und die mitgebrachte Technik erklären zu lassen. Für die Besucher war es eine gelungene Veranstaltung, die aus den Augen eines Zeitzeugen an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl erinnert, die sich vor nunmehr 40 Jahren ereignete.

 

 

Bild zur Meldung: Foto: Karin Schulz | Renè Hill (rechts) im Gespräch mit Thomas Tschuprik.