Auf den Spuren eines (fast) Vergessenen

Perleberg, den 12.​11.​2025

Mit der Buchvorstellung „James Broh – Deutscher, Jude, Sozialist (1867-1942)“ im Rahmen der Vortragsabende des Stadt- und Regionalmuseums ging am Montagabend die Themenwoche „Jüdisches Kaleidoskop“ zu Ende.

 

Der „zugezogene Perleberger“ Karl-Heinz Kaiser, wie Kulturamtsleiter Frank Riedel ihn in seiner Begrüßung nennt, hat dieses Buch gemeinsam mit Norbert Kozicke geschrieben und jetzt in der edition bodoni veröffentlicht. Damit sind die Ergebnisse jahrelanger Recherchen und Forschungen Kaisers nun niedergeschrieben, erinnern an einen gebürtigen Perleberger, der Zeit seines Lebens unbequem und unangepasst war. Ein Umstand, der letztlich auch zu seinem Tod in völliger Verarmung führte.

 

Für das Vorwort konnte Gregor Gysi gewonnen werden. Auch er hatte bis zu dieser Bitte, das Vorwort zu schreiben, noch nichts von James Broh gehört. Dennoch schreibt er, warum der gebürtige Perleberger weitestgehend unbekannt ist: „In der Geschichte der Arbeiterbewegung haben, auf Deutschland trifft das auf jeden Fall zu, vor allem die Sozialdemokratie und die Kommunisten um die ,richtige‘ Interpretation politischer Handlungen und Ereignisse gekämpft. Damit verbunden sind Überformungs- und Verdrängungsprozesse…“ Wie im Laufe des Abends von Karl-Heinz Kaiser immer zu erfahren ist, war er nicht nur ein Grenzgänger zwischen den gesellschaftlichen Klassen, sondern auch ein Parteien-Hopper, wie ein Besucher seinen ständigen Partei-Wechsel bezeichnete.

 

Die Rolandstadt Perleberg widmete im Jahr 2013 eines ihrer „Perleberger Blättchen“ James Broh. Diese Publikation war Kaisers erste Begegnung mit ihm. Eine kleine Seite mit einer Zeichnung und einem kurzen biografischen Abriss machten Karl-Heinz Kaiser neugierig. Er wollte mehr über den Mann wissen, der am 9. November 1867 im Haus Grahlplatz Nummer 4 geboren wurde. In den vergangenen vier Jahren war er intensiv unterwegs, forschte in deutschen, französischen, amerikanischen und israelischen Archiven, stelle Fragen an jüdische Gemeinden. Das Ergebnis ist nicht nur 17.000 Seiten von Publikationen über die Prozesse, die er geführt hat, sind nun im Besitz des Autors und Geschichtsforschers. Hinzu kommen Texte, die Broh selbst verfasst und geschrieben hat. Auch die Doktor-Arbeit von ihm konnte er ausfindig machen. Interessant für viele war, dass der spätere Anwalt es einst auch mit Dramen und Operetten am Theater versucht habe. „Doch damit war er nicht erfolgreich“, weiß Karl-Heinz Kaiser.

 

Zu erfahren ist, dass James Broh eine Art Robin Hood unter den Anwälten war. Prozesse der armen Sozialdemokraten und Kommunisten führte er für diese kostenlos. „Diese mussten dafür nur unterschreiben, dass er seine Verteidigungsreden politisch halten durfte“, wird berichtet. Dafür nahm er es von den reichen Klienten, zu denen unter anderem Heinrich Mann gehörte.

 

In der Geschichte der Parteien taucht James Broh selten, eher gar nicht auf. Auch die Falken, die Jugendorganisation der SPD kennen ihren Gründer nicht. Sie warteten jetzt auf die Herausgabe des Buches, um dort dann mehr erfahren zu können.

 

Karl-Heinz Kaiser hat bis heute Schweigen, ja selbst Verbote zu gewissen Lebensereignissen James Brohs erfahren. Dennoch hat er letztlich aus vielen kleinen Puzzle-Teilen eine Biografie zusammengestellt, die dafür sorgt, dass der gebürtige Perleberger aus dem Vergessen geholt wird. Durch seine Forschung, seine Nachfragen, hat er erreicht, dass sich doch an verschiedenen Stellen mit James Broh beschäftigt wird, dass an ihn erinnert wird. 

 

Eines gelang Karl-Heinz Kaiser auch nicht. Er hat kein Foto ausfindig machen können. „In keinem Archiv der Welt gibt es ein Foto von ihm. Ihn gibt es immer nur gezeichnet.“ Und so ist auch auf dem Cover nur eine Zeichnung von James Broh während eines Prozesses zu sehen.

Erhältlich ist das Buch im Buchhandel sowie beim Autor.

 

Bild zur Meldung: Foto: Rolandstadt Perleberg/Renè Hill | Karl-Heinz Kaiser während des Vortrags zu dem Buch, dass er gemeinsam mit Norbert Kozicki geschrieben hat.