Vor 140 Jahren wurde der Bahnverkehr zwischen Perleberg, Pritzwalk und Wittstock aufgenommen

Perleberg, den 27.​05.​2025

Am 7. Dezember 1835 begann die deutsche Eisenbahngeschichte mit der Eröffnung der Strecke Nürnberg – Fürth.  1846 gab es mit der Eisenbahnlinie Berlin – Hamburg die erste Strecke über die Westprignitz. Perlebergs Nachbarstadt Wittenberge an der Elbe wurde Stationspunkt. Erst 1881 wurde die Bahnstrecke zwischen Wittenberge und Perleberg eröffnet. 

 

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren es vor allem die Perleberger Geschäftsleute, die auf einen Bahnanschluss drängten. Und so wurde am 8. Mai 1878 in der Stadtverordnetenversammlung der Bau einer Lokalbahn nach Wittenberge beschlossen. Mit dem Bau dieser Bahnlinie wurde das Prignitzbahnprojekt wieder diskutiert, Interessenten schöpften neue Hoffnung. Am 5. Juni 1884 konstituierte sich in Pritzwalk aus einem Komitee mit 273 Mitgliedern die „Prignitzbahn-Gesellschaft“. Der Aufsichtsratsvorsitzende war Eugen Gans Edler Herr zu Putlitz auf Laaske. Führend waren weiterhin Vertreter der Städte Wittenberge, Perleberg, Pritzwalk und Wittstock tätig. 

 

Das Grundkapital von 2,7 Millionen Mark konnte aufgebracht werden. Dabei kamen 360.000 Mark vom Preußischen Staat sowie 125.400 Mark von der Stadt Perleberg.

 

Die Konzession für die Bahnstrecke wurde am 23. Juli 1884 erteilt, die Bauarbeiten begannen knapp einen Monat später am 15. August 1884. Verantwortlich für den Bau waren die beiden Berliner Baufirmen Rudolf Schneider und Hermann Bachstein. Mit ihnen wurde ein Vertrag über den betriebsfertigen Ausbau der Strecke Perleberg – Wittstock geschlossen. Danach hatten die Unternehmen alle Arbeiten und Beschaffungen auszuführen, die für die Einrichtung und Durchführung des Betriebes auf der Bahn notwendig waren. Dafür bekamen sie vom Komitee kostenfrei den für den Bau erforderlichen Grund und Boden übergeben.

 

Am 20. Februar gab der Landrat der Westprignitz Julius von Jagow bekannt: „Betreffs des Betriebes von Arbeitszügen auf der Prignitzbahn bringe ich zur öffentlichen Kenntnis, daß die Bedingung ordnungsgemäßer Barrieren-Aufstellung (Schranken) und Bewachung der Wege-Übergänge im Kreis Westprignitz auf die drei Chaussee-Übergänge Perleberg – Wittenberge, Perleberg – Bollbrück und Perleberg – Berlin beschränkt worden ist und die übrigen Niveau-Übergänge ohne Barrieren und ohne Bewachung bleiben können. Die Fahrgeschwindigkeit darf 15 km pro Stunde nicht überschreiten. Bei Annäherung eines Zuges an die Übergänge muß das Läutewerk der Locomotive in Tätigkeit gesetzt und darin bis nach Passiren des Übergangs erhalten bleibe. Fuhrwerke, Reiter, Fußgänger, Treiber von Vieh müssen, sobald sich ein Zug nähert, in genügender Entfernung von der Bahn halten resp. die Bahn räumen.“ (Originalschreibweise beibehalten.)

 

Der Bau ging zügig voran, sodass am 14. März 1885 die Zeitung von der „landes- und baupolizeilichen Abnahme der Strecke der Prignitzbahn von Perleberg bis Pritzwalk durch die Herren Kommissarien, des Herrn Regierungspräsidenten und des königlichen Eisenbahnkommissariats“ berichten konnte.  Weiterhin war dort damals zu lesen: „Die Behörden des Kreises, die benachbarten Amts-, Guts und Gemeindevorsteher nahmen an der Probefahrt teil. Gegen 4 1/2 Uhr lief der Zug, von Perleberg kommend, im Pritzwalker Bahnhofe ein. Das Resultat der Fahrt war, daß demnächst auf der nun fertig gestellten Strecke der Güterverkehr beginnen darf. Bei der Übergangsstelle des Weges Kuhsdorf – Kuhbier, wo der Zug anhielt, um die Gemeindevertreter der benachbarten Ortschaften zur Fahrt nach Pritzwalk aufzunehmen, war trotz des schlechten Wetters eine Anzahl von Knaben versammelt, um den ersten ,offiziellen‘ Zug der Prignitzbahn zu sehen. Da noch Platz in den Waggons war, lud der Vorsitzende des Eisenbahnkomitees, der sie bemerkte, die4 Knaben zum Mitfahren ein.“

 

Am 30. Mai 1885 fand dann die offizielle Eröffnung der 45 Kilometer langen Strecke statt, wovon das „Kreisblatt für die Westprignitz“ unter der Rubrik „Lokales und Provinzielles“ berichtete. Es war das Ereignis an diesem Tag. Selbst die Perleberger Ulanen ließen es sich nicht nehmen, den Zug mit ihrer Kapelle zu begrüßen. An der Stepenitzbrücke wurde der neuen Bahn auf einem Transparent Glück und Segen gewünscht. Das Festdinner fand dann im Hotel Garnatz in Pritzwalk statt. 

 

Mit 45 Arbeitern und Angestellten wurde der Bahnbetrieb aufgenommen. Ihre Anzahl verdoppelte sich in den ersten zehn Jahren bis 1895, 1922 waren 206 Leute bei der Bahn beschäftigt. Für den betrieb mussten die Bauunternehmen drei dreiachsige Tenderlokomotiven von 29,2 Tonnen beschaffen, acht Personenwagen, zwei Post- und Gepäckwagen, 20 Güterwagen waren zu liefern.

 

Begann der Zugbetrieb bescheiden mit drei Zugpaaren am Tag im gemischten Personen- und Güterverkehr, machte es sich bald erforderlich, getrennte Reise- und Güterzüge fahren zu lassen sowie die Anzahl der Züge zu erhöhen. 

 

1887 erfolgte in Pritzwalk der Anschluss an die Strecke Neustadt/Dosse – Meyenburg – Mecklenburg und 1895 in Wittstock der Weiterbau nach Neustrelitz. 1889/90 verkehrten auf der Wittenberge-Perleberger-Eisenbahn 5.966 Züge mit 92.026 Personen und auf der Prignitzbahn 2.980 Züge mit 73.176 Personen.

 

Da es auf der Strecke zwei voneinander unabhängige Verwaltungen der Streckenabschnitte Wittenberge – Perleberg sowie Perleberg – Wittstock gab mussten auf dem Perleberger Bahnhof jeweils Lokomotiven und Personal aller Züge gewechselt werden. 1932 gab es dann eine gemeinsame Betriebsführung.

 

Im 20. Jahrhundert stiegen die Transportleistungen stark an. Zeitweilig verkehrten sogar Eilzüge von Magdeburg über Perleberg – Neustrelitz – Neubrandenburg nach Stettin und zurück. Im Kursbuch des Jahres 1939 ist hier das Zugpaar E 41 und 42 zu finden. So fuhr der E 41 aus Wittenberge kommend um 7.56 Uhr in Perleberg ab und war um 12.04 Uhr in Stettin. Von dort fuhr dann der E 42 um 15.18 Uhr ab und war um 19.24 Uhr in Perleberg. Unterwegs hielten die Züge in Pritzwalk, Wittstock (Dosse), Mirow, Neustrelitz, Woldegk und Pasewalk.

 

Durch den Krieg gab es nur einen eingeschränkten Reiseverkehr, wurde die Strecke stark durch die Truppenzüge West-Ost beansprucht. Und so steht im Kursbuch 1941 für die Eilzüge E 99 und E 100 „Verkehr nur auf besondere Anordnung“.

 

Zu DDR-Zeiten fuhren die Züge in Richtung Wittenberge sowie nach Güstrow, Im Jahr 2000 wurde der Abschnitt Wittstock (Dosse) – Mirow stillgelegt und abgebaut. Damit war die Prignitzer Eisenbahnanbindung nach Neustrelitz Geschichte.

 

Heute, 140 Jahre nach der Inbetriebnahme der Strecke, ist nur noch der Prignitz-Express, der RE 6 von Berlin-Charlottenburg nach Wittenberge sowie Güterverkehr unterwegs. Zahlreiche Bahnhöfe sind ebenfalls nicht mehr am Netz, abgerissen oder umgenutzt.

 

Bild zur Meldung: Foto: Archiv Norbert Weise | Perlebergs Bahnhof im Jahr 1900.