Knapp 100 Interessierte beim ungewöhnlichen Stadtspaziergang zum Tag der Städtebauförderung dabei
Der sonnige Tag und die neugierig machende Ankündigung sorgen am vergangenen Sonnabend dafür, dass rund 100 interessierte Perleberger und ihre Gäste der Einladung der Rolandstadt folgen und am ungewöhnlichen Stadtspaziergang zum Tag der Städtebauförderung teilnehmen. Begleitet werden sie dabei von Bauamtsleiter Hagen Boddin, der Architektin Maria Pegelow, dem Landschaftsplaner Franz Beusch, dem ehemaligen Projektleiter der BIG Städtebau Hans-Christian Sauer, Torsten Benecke vom Ingenieurbüro Rauchenberger sowie dem Künstler Bernd Streiter.
Treffpunkt und Ausgangspunkt des Stadtspaziergangs ist der St-Nicolai-Kirchplatz. Bauamtsleiter Hagen Boddin begrüßt die Teilnehmer, freut sich über das große Interesse. Nach den einleitenden Worten und Informationen zur Städtebauförderung übernimmt Bernd Streiter das Wort. Der Künstler berichtet über die Entstehung des Bronzemodells, dass hier seit dem vergangenen Herbst steht. Er berichtet, wie er sich mit der dramatischen Geschichte des Gotteshauses befasst hat, um herauszubekommen, wie die Sankt-Nicolai-Kirche wohl einst ausgesehen haben mag. So erfahren die Teilnehmer, dass schon frühzeitig der vordere Teil der Kirche drei bis vier Meter absackte, der Turm somit sich nach vorn neigte. Doch es blieb nicht das einzige Schicksal der um 1300 erbauten Kirche. 1632 habe der Blitz eingeschlagen, brannte der Kirchturm ab. Das gleiche Schicksal, so Bernd Streiter habe die Sankt-Jacobi-Kirche ereilt. „Doch während diese wieder aufgebaut wurde, wurde die Sankt-Nicolai-Kirche um 1770 vollständig abgetragen.“
Gemeinsam mit dem Chefarchäologen Thomas Hauptmann, der hier die Umgestaltung des Platzes mit archäologisch Grabungen begleitete, Torsten Foelsch, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Stadt- und Regionalmuseums, Gordon Thalmann, Sachbereichsleiter Denkmalschutz beim Landkreis Prignitz und dem Stadtplaner Dieter Hoffmann-Axthelm begab er sich auf Spurensuche. Peter Barczewski hat schließlich das 3-D-Modell erstellt, die Grundlage für die Bronze-Statue.
Bernd Streiter lobt und würdigt auch die Zusammenarbeit mit dem Bürgerverein Perleberg, der das Vorhaben finanziell unterstützt hat. Vielleicht könne er diesen verein erneut als Partner gewinnen für seine neuste Idee. Aus seiner Sicht muss der Brunnen vor dem Rathaus verschwinden. „Hier soll dann ein Brunnen mit dem klugen Perleberger Ratsherren entstehen. Dieser soll auf einem Stuhl sitzend sich dem Rathausstil anpassen. Der besagte kluge Ratsherr soll in früherer Zeit einmal auf Weisener Gebiet geschworen haben, dass das Land zur Stadt Perleberg gehöre, auf dem er stehe. In seinen Stiefel hatte er Erde aus Perleberg.
Der Stadtrundgang führt die Besucher zur zweiten Station, zur neuen Freianlage in die Grabenstraße, wo durch den Landschaftsarchitekten Franz Beusch aus Potsdam, das Projekt, die Aufgabenstellung und die gemeinsame Umsetzung mit der PVU mbH (Abbruch Trafostation) vorgestellt und erläutert.
Die Gruppe setzt den Rundgang in die Mühlenstraße und Puschkinstraße fort. Hier befinden sich zwei Gebäude der Wohnungsgesellschaft GWG. Eins der beiden Gebäude ist bereits fertiggestellt und bezogen, an dem anderen haben die Bauarbeiten begonnen. Die Landschaftsarchitektin Maria Pegelow, gibt hier Auskünfte über die historische Entstehung beider Häuser und deren Überformung im 19. Jahrhundert. Beide Gebäude spiegeln beispielhaft die Stadtentwicklung wider. Besonderen Anklang findet die rückwertige Außenanlage des Gebäudes Puschkinstraße 19, die durch Franz Beusch geplant und umgesetzt wurde.
Weiter geht es zum Gymnasium gleich nebenan, über das Pegelow berichtet und dabei besonders auf die bedeutenden Baumeister Karl-Friedrich Schinkel und Friedrich August Stüler eingeht. Beide haben das Bauen in Preußen nachhaltig geprägt und bis nach Perleberg beeinflusst, auch wenn andere Baumeister die Vorhaben vor Ort umsetzten. Über den Postplatz mit Erläuterungen zum Post-Quartier, dem Kaiserlichen Postamt und den Bauabsichten der Stadt, die Heilige-Geist-Straße mit einem weiteren wichtigen Bauvorhaben der Wohnungsgesellschaft GWG geht es zum Stadtmodell vor dem Rathaus.
Hier folgen interessante Ausführungen durch Hans Christian Sauer zur Städtebauförderung in Perleberg seit 1991, die durch historische Broschüren ergänzt und illustriert werden können. Da es davon reichlich gibt, können die Teilnehmer einige Exemplare zur Erinnerung mit nach Hause nehmen.
Die Städtebauförderung in Perleberg seit 1991 ist eine Erfolgsgeschichte. Mehr als 50 Millionen Euro sind inzwischen in die Stadt geflossen und haben Wirkung gezeigt. In der Altstadt sind alle Straßen und Plätze saniert, die letzte Maßnahme war der St. Nicolai Kirchplatz. Sauer vergisst nicht die Stadtmauer zu erwähnen, die ihm besonders am Herzen liegt und an einigen Stellen saniert werden muss. Sauer weist darauf hin, dass die Städtebauförderung nach der politischen Wende im Osten Deutschlands angesichts des verheerenden Zustands der Bausubstanz dringend erforderlich war und genau zur richtigen Zeit kam. Der Bauamtsleiter Hagen Boddin informiert an dieser Stelle auch über die Bürgerveranstaltung zur Umgestaltung des Großen Marktes, bei der mehr Grün, andere Sitzmöbel, ein Wasserspiel u.v.m. vorgeschlagen wurden. Weiter geht der Weg nun zur Wittenberger Straße, die sich gerade im 3. Bauabschnitt befindet. Hier erläutert Torsten Benecke vom Ingenieurbüro Rauchenberger aus Wittenberge die technische Planung, die Bauteile und die bauliche Umsetzung mit den der Öffnung der Gleisanlage zur Verlegung eines neuen Regenwasserkanals. Der Planer Franz Beusch gibt Einblicke in die Planung zur Wiederherstellung des Goetheparks als weiteren Bauabschnitt. Danach begeben sich die Besucher in den denkmalgeschützten Garten der ehemaligen und sogenannten Toboldtschen Villa in der Wittenberger Straße 48, der besichtigt werden kann. Die Gartenanlage löst allgemeine Begeisterung aus und die Eigentümer erhalten dafür viel Lob und Anerkennung.
Der Tag der Städtebauförderung 2025 in Perleberg findet großen Anklang und wird abschließend von den Besuchern und Besucherinnen sehr gelobt. Offenbar hat die Stadtverwaltung damit einen Nerv getroffen und es könnte daher in den kommenden Jahren eine Wiederholung des Formats, mit anderen Inhalten, geben. Die Stadt bedankt sich bei allen Gästen und Mitwirkenden und insbesondere bei Familie Winkelmann für die Öffnung ihres Gartens.
Die Städtebauförderung in Perleberg seit 1991, mit den Zuwendungen des Bundes, des Landes Brandenburg und der Kommune selbst, kann dank der Aktivitäten des Wohnungsunternehmens GWG, privater Bauherren und Eigentümer sowie der Stadt Perleberg auf schöne Erfolge blicken, auch wenn sie noch nicht abgeschlossen ist. Die Arbeit und Erhaltung des Erreichten gehen weiter.
Bild zur Meldung: Rolandstadt Perleberg/Renè Hill | Der Künstler Bernd Streiter berichtet über die Entstehung seiner Bronze-Statue der Sankt-Nicolai-Kirche.